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Blogparade Schreiblust: Ein Bild – Viele Kurzgeschichten

Heute gibt es etwas besonderes für euch. Ich habe bei der Blogparade Schreiblust teilgenommen. Die Blogparade wird von Somehowsophie ausgerichtet und soll am Ende ein Sammelsurium an Kurzgeschichten zu ein und demselben Bild werden. Hier findet ihr nun also meinen Beitrag dazu. Viel Spaß beim Lesen!

Veränderung.

Die Sonne steht schon hoch am Himmel und noch immer kämpfen wir uns durch das Dickicht des Waldes. Wie lange wir schon gelaufen sind weiß eigentlich keiner mehr so genau. Vier Tage, oder fünf. Vielleicht sogar mehr. Schweißperlen bedecken meine Stirn und meine Zunge fühlt sich rauer an denn je. Wie lange ist es her, seit wir am See entlang gelaufen sind? Ich schüttele meinen Kopf. Alle Erinnerungen sind so wild zerstreut. Wie lange ist es her, seit wir zum letzten Mal etwas gegessen oder getrunken haben? Jamie hält mir eine Trinkflasche entgegen. „Hier nimm.“ Ich schüttele den Kopf und presse die Lippen aneinander. Jamie zuckt nur mit den Schultern. Auch wenn es schien als seien wir ein großes Team, sind wir im Grunde doch immer noch Einzelkämpfer. Erst gestern mussten wir Caroline zurücklassen. Eigentlich hätte ich dabei nicht weinen dürfen. Mein Leben war doch ein einziges Zurücklassen. Meine Eltern, meinen Bruder, meine große Liebe, meine Heimat. Jede Nacht, wenn ich mich in den Schlaf weine und meine Augen schließe kann ich Sams Lachen sehen, die Tränen in den Augen meiner Mutter und den abwertenden Blick meines Vaters. Und Josh… Was wohl aus ihm geworden ist? Meine Heimat gibt es nicht mehr. Kein Haus steht mehr an seinem Fleck, keine Einfahrt wirkt mehr einladend, keine Menschen spazieren mehr über die Bürgersteige. Zuviel ist geschehen an dem Tag, der schon so lange her ist und den ich nicht mehr richtig greifen kann. Dieser Kopf. Diese Erinnerungen. Josh. Ich spüre wie eine weitere Träne meine Wange herunterfließt. Mit einer hastigen Bewegung wische ich sie mir weg und schiele zu Jamie rüber. Er starrt konzentriert auf den Weg und wischt sich immer wieder den Schweiß aus dem Gesicht. Wann er wohl zu unserem Anführer gemacht wurde? Nichts bleibt mehr hängen. Nichts. Nichts außer Josh. An ihn erinnere ich mich, als wäre alles gestern passiert. Als hätten wir uns gestern gestritten, als hätte er mich gestern angefleht nicht zu gehen, als hätte er mir gestern vorgeworfen alles wegzuschmeißen, als hätte er erst gestern nicht verstanden was auf dem Spiel stand. Ich wusste nicht, dass es noch andere gab. Andere, in deren Köpfen ähnliche Gedanken steckten. Andere, die sich genauso wie ich nach Antworten sehnten. Andere, die obgleich wir uns gefunden haben, genauso wie ich immer noch zweifelten und nicht vertrauen konnten. Und immer wieder diese Gedanken. Josh. Er ist mir nicht gefolgt.

„Julie, das kannst du einfach nicht ernst meinen!“, Josh fuchtelte wild mit seinen Armen um her. Tränen liefen mir die Wangen herunter. „Du musst versuchen das zu verstehen Josh! Ich brauche Antworten! Ich muss es wissen!“ „Was? Was soll ich verstehen? Dass du alles wegschmeißt? Alles zurücklässt? Deine Familie, deine Freunde…“, seine Hand berührte meine Wange, „Mich…“. Ich konnte seinem intensiven Blick nicht mehr standhalten, ein Schluchzen entfloh meinen Lippen und die Tränen flossen meine Wangen hinunter. Wie konnte der Ort, an dem wir uns immer so sicher gefühlt haben, an dem wir uns näher kennengelernt haben, an dem wir uns unsere Liebe gestanden haben auf einmal zu dem Ort werden, an dem alles enden wird? Die Aussicht auf die Stadt war einzigartig, die Fenster der Hochhäuser glitzerten im Sonnenlicht wie Kristalle. Obwohl die Stadt nur so von Leben strotzte, erreichte kein Großstadtgeräusch unseren Zufluchtsort. „Ich will dich nicht zurücklassen. Komm doch mit mir.“ Josh ließ seine Hand von meiner Wange gleiten und schüttelte nur stumm den Kopf. „Das ist nicht mein Kampf, Julie. Ich habe hier alles“. „Aber keine Zukunft! Verstehst du das denn nicht? Keiner hier hat eine Zukunft!“ „Hat Karma dir das erzählt?“, sein Blick wurde eiskalt, „Seit du Karma kennengelernt hast, bist du einfach nicht mehr die gleiche, Julie! Warum lässt du dir von ihr solche Flöhe in die Ohren setzen?“ Ich atmete tief ein. „Flöhe? Was glaubst du eigentlich…“, es fiel mir schwer nicht mit dem Fuß aufzustampfen, „Denkst du denn es ist einfach für mich? Gedanken von anderen Menschen hören, Visionen von einer Zukunft in Schutt und Asche zu sehen? Glaubst du denn nicht, dass ich mehr als einmal gehofft hatte, dass alles sei nur ein schlechter Scherz, ich wäre einfach ein bisschen verrückt, dass alles wäre einfach nicht wahr?“ Josh versuchte etwas zu sagen, aber ich hatte mich so in Rage geredet, dass ich ihn nicht zu Wort kommen lassen konnte. „Drei Jahre, Josh! Drei Jahre geht das so. Ich liege nachts wach, weil ich sonst Träume anderer Menschen träume, weil ich Bilder sehe, von einer Welt die kommen könnte, die kommen wird. Ich kann nicht mehr und ich will auch nicht mehr. Ich möchte endlich wissen warum das so ist. Was mit mir los ist. Was passiert ist. Bitte versteh das doch. Ich möchte so gerne, dass du mich auf meinem Weg begleitest.“ Wieder schüttelt Josh nur den Kopf. „Es tut mir leid, Julie, aber ich kann nicht.“ In meinem Kopf pulsierte ein Schmerz und meine Kehle schnürte sich zu. In wenigen Sekunden fiel ich meine Entscheidung und ich wusste, dass es danach keinen Ausweg mehr gibt. Ich beugte mich zu Josh vor und gab ihm einen letzten Kuss. Ein letztes Mal schossen tausend kleiner Stromschläge durch meinen Körper, ein letztes Mal hörte ich mein Blut in meinen Ohren rauschen, ein letztes Mal spürte ich seinen Körper an meinem. Dann drehte ich mich um und lief. Ich lief die Holztreppe hinunter und ließ ihn auf unserem Podest stehen. Ich lief über die Wiese, in den Wald und blickte nicht ein einziges Mal zu unserem Holzpodest zurück. Ich lief und erinnerte mich an den einen Tag, als wir auf der letzten Stufe der Holztreppe saßen und Josh mir eine Blume ins Haar steckte, als er mir sagte, was er für mich empfand und dass er für immer an meiner Seite bleiben würde, dass es ihm nichts ausmachte, dass er keine Angst vor mir hatte. Am Rand des Waldstücks wartete Karma schon auf mich. Sie nahm mich in den Arm und führte mich zu einem großen Auto. Alles würde gut werden, flüsterte sie mir zu. Antworten würden kommen. Ich würde andere kennenlernen, andere die ähnlich sind wie ich. Es war die richtige Entscheidung, sagte sie mir und brachte mich in ein Haus, in dem Wissenschaftler mich und dreizehn andere Jugendliche schon sehnlichst erwarteten. Und die Antworten blieben aus.

Karma. Karma hieß eigentlich Caroline. Caroline mussten wir gestern zurücklassen. An der Holztreppe. An dem Podest. Am Rand meiner zerstörten Stadt. Ich rücke das Messer an meiner Hüfte zurecht. Jamie hat Schritte gehört. Die ersten seit wir uns befreit haben. Wir sind anders. Wir sind anders, weil sie uns anders gemacht haben. Wir sind anders, weil sie uns anders gemacht haben und jetzt wollen sie uns verstehen. Sie wollen uns verstehen und uns benutzen. Sie wollen uns benutzen für ihren Krieg. Einen Krieg den wir nicht führen wollen. Deswegen gehen wir. Deswegen tun wir uns zusammen. Deswegen suchen wir nicht mehr nach Antworten. Unsere Gaben sind unsere Macht. Zusammen finden wir einen Weg.

Erst Jahre später sehen wir uns wieder. Jahre, in denen ich mit den anderen umhergezogen bin, in denen wir etwas Neues aufgebaut haben. Jahre, die für immer in meinen Kopf eingebrannt sein werden. Jamie und ich sitzen auf dem alten Holzpodest und genießen den Anblick der neuaufgebauten Stadt. Wir wissen, dass es noch ein langer Weg sein wird, dass es noch viel zu tun gibt, aber wir sind glücklich. Es ist das erste Mal, dass ich an die Treppe, an das Podest zurückkehren kann, ohne an ihn zu denken. Ich habe los gelassen, ich habe vergessen, ich habe jetzt Jamie. Die Zeit in der wir zusammen gekämpft, verloren und gesiegt haben kann uns keiner mehr nehmen. „Julie?“ In meinen Ohren klingelt mein Name. Wie in Trance fasse ich ans Geländer. Jamie runzelt die Stirn und blickt nach unten, ich folge langsam seinem Blick. Da steht er. Er ist älter geworden. Das sind wir alle. Älter an Tagen, die wir auf der Erde verbracht haben und Älter an dem, was wir haben erleben müssen. Ich schüttele meinen Kopf. Josh nickt. Er hat verstanden, dreht sich um und geht.

 

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4 Kommentare zu „Blogparade Schreiblust: Ein Bild – Viele Kurzgeschichten

  1. Wirklich toll. Liest sich total flüssig und spannend. Und auch, wenn aktiv nichts passiert, hat man doch das Gefühl einer abgeschlossenen Geschichte. Super geschrieben.

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